Sonntag, November 20, 2011

El Grecos Schädel

Im Bewusstsein der Vergänglichkeit ruht ein dunkler, mahnender Hinweis auf das ewig Ungewisse. Kein Symbol verkörpert die Mahnung eindringlicher als ein Totenschädel. Der Kopfknochen wird, jedes Zeichens von Lebendigkeit - Augen, Haut und Haaren - beraubt, vom Träger des Geistes zum gegenständlichen, leeren Gehäuse. Über Jahrhunderte wurde dieses Mahnmal der Endlichkeit aufgestellt, um an die Bedeutungslosigkeit des irdischen Daseins und die Demut angesichts eines erbarmungslosen Gottes zu erinnern.










Museo de El Greco, Toledo

In Zeiten ohne Religion ist Gleichmut an die Stelle der Demut getreten, aus toten Schädeln wurde Ornament. Dennoch lauert während jeder Besinnung auf das breite Grinsen des Todes über die Eitelkeit ein Schaudern im lebenden Schädel.

5 Comments:

Blogger MudShark said...

interessant auch die weiteren zutaten/elemente der vanitasstilleben. habe mich zufällig neulich mit dem selben thema befasst.

21.11.11  
Anonymous mkh said...

Vergänglichkeit hat auch ihre Schönheit, wie man an deinem Text und seinem düsteren Zusammenspiel mit den mythischen Bildern sieht.

Demut ist heute zwar vordergründig nicht mehr wirksam, aber sie hat nach wie vor ihre großen stillen Räume, meine ich.

26.11.11  
Anonymous Andie Sanduhr said...

Glücklicherweise hat sich in der Exegese das mittelalterliche Bild eines erbarmungslosen Gottes zu einem gnädigen Gott gewandelt. Die Flammen eines angstmachenden, ewigen Fegefeuers sind einer Läuterung gewichen.
Die Tugend der Demut steht durch die Individualisierung momentan nicht hoch im Kurs, was m.E. den (Sinn-)Krisen und der fatalen Dekadenz unserer Gesellschaft erheblich Vorschub leistet.

28.11.11  
Blogger mq said...

/MudShark: In unseren Zeiten würde man vermutlich einen MP3-Player dazumalen.

/mkh: Vergänglichkeit besitzt nicht nur Schönheit, sondern spendet verlässlichen Trost. Ewigkeit ist Horror.

/Andie Sanduhr: Demut kann in profanen Zusammenhängen eine Tugend sein.
Die Macht der Religionen beruht auf der Fähigkeit ihrer Stifter, den Menschen ein schlechtes Gewissen einzureden sowie der existenziellen Angst der Menschen. Läuterung wovon? Und was ist der Unterschied zwischen Läuterung und der kindlichen Vorstellung des Fegefeuers?

6.12.11  
Anonymous Andie eidnA said...

Läuterung von begangenen Unterlassungen oder nicht unterlassenen Taten, die nicht dem Codex/Gebot entsprechen. Dieser ist eigentlich sehr einfach und definiert sich in seinen wichtigsten Ausprägungen als

- Liebe den Herrn, deinen Gott, und
- Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Der Unterschied der Läuterung zu einem Fegefeuer ist wohl die Symbolik, die mit einem Fegefeuer verbunden wird. Fegefeuer wird historisch als eine Art Ofen mit Zeitschaltuhr verstanden, Läuterung eher als ein Prozess. Beide mit dem Ziel der Aufarbeitung, Reinigung, Reinheit.

--

Abgesehen davon finde ich kindliche Vorstellungen übrigens oft sympathisch und tröstlich. Möglicherweise sind sie ja realistischer als wir (ich rechne mich der Einfachheit halber auch weitgehend dazu) rational denkende Er/entwachsene vermuten.

8.12.11  

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