Dienstag, Dezember 06, 2011

Alphabet der Aufzugskonversation

Der fabelhafte Tomi Ungerer hat sich in den 1960er Jahren laut eigenen Angaben damit vergnügt, in New Yorker Fahrstühlen ein tragbares Tonbandgerät mitzuführen; damit spielte der Illustrator obszöne Geräusche ab, die er zuvor während nächtlicher Rendezvous aufgezeichnet hatte. Wenn man sich hierzu Ungerers breites Grinsen vorstellt, handelt es sich zweifellos um den Königsweg zur Überbrückung des peinlichen Fahrstuhlschweigens. Zeitgenossen, die über einen geringer ausgeprägten Grad von Exzentrik verfügen, bietet das nachstehende Alphabet der Aufzugskonversation ein Themenspektrum.

A
"Alles klar?" (Beknackte Worthülse und perfekte Vorlage für eine mindestens ebenso beknackte Reaktion. Vgl. Varianten N u. U.)

B
Bundesliga. (Funktioniert gut montags und bei mehrheitlich männlichen Fahrgästen.)

C
Computer. (Hasst jeder. Liebt jeder. Das wichtigtuerisch aufgeklappte Notebook in der Armbeuge unterstützt beim Gesprächseinstieg. Oder auch nicht.)

D
Dichtung. (Die leidenschaftliche Rezitation einer Variante von Goethes "Ein Gleiches" funktioniert sogar zwischen zwei Stockwerken:

Über allen Etagen
Ist Ruh,
In allen Fluren
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Akten liegen auf Halde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Kann in der Vertonung von Franz Schubert auch gähnend vorgetragen werden.)

E
Erkältung. (Thema durch spastischen Niesanfall einleiten.)

F
Fußball. (Diese weiter gefasste Variante von B eignet sich besonders nach Länderspielen, weil dann sowieso jeder Narr glaubt, einen wirren Wortbeitrag abliefern zu müssen.)

G
Geruch. (Thema unbedingt vermeiden, wenn es in der Aufzugskabine nach Alkohol riecht. Eignet sich hingegen gut, wenn Ihnen versehentlich Winde entweichen.)

H
Hackfleisch. (Vgl. M.)

I
Isolationshaft. (Vgl. M.)

J
Juckreiz. (Ausdrucksstarkes Kratzen im - eigenen! - Genitalbereich unterstützt eine Wahrung der persönlichen Distanz.)

K
Kaffee. (Besteigen Sie den Fahrstuhl mit einem Becher dampfenden Kaffee in der Hand, schlürfen Sie kleine Schlückchen und lassen Sie dabei Genusslaute vernehmen. Betonen Sie immer wieder, wie hervorragend dieser Kaffee schmeckt und wechseln Sie dann das Thema zu David Lynch.)

L
Lächeln. (Sie.)

M
Mechanik. (Stellen Sie die Funktionstüchtigkeit das Fahrstuhls auf perfide Art in Frage. Funktioniert gut bei mehrheitlich weiblichen Fahrgästen.)

N
"Na? Alles klar?" (Variante von A für Hyperaktive.)

O
Onomatopöie. (Phonetische Grundlagen eignen Sie sich mittels entsprechender Fachliteratur aus dem Comicladen an, darf in den Aufzug mitgenommen und murmelnd vorgetragen werden.)

P
Politik. (Unbedingt vermeiden. Es sei denn, Sie sind Politiker. Dann können Sie sowieso über nichts anderes sprechen.)

Q
Sprechen Sie über den Betreiber dieses Weblogs, sofern Sie sich von tosenden Begeisterungsstürmen nicht überfordert fühlen. (Quatsch.)

R
Rülpsen. (Gibt den Mitfahrenden das wohlige Gefühl, ein Fehlverhalten großzügig überhören und verzeihen zu können, sorgt im Anschluss für niederschwelligen Bürogesprächsstoff.)

S
"So, so." (Erhält auf jeder Bratbirnenolympiade die Goldmedaille für sinnbefreites Geschwätz, nur durch ein "Sooooo" mit pervertierter Betonung des Vokals zu übertreffen. Der Absender besitzt mit hoher Wahrscheinlichkeit psychopathische Neigungen. Notruftaste im Auge behalten.)

T
Tuberkulose. (Wirksame Waffe gegen peinliches Fahrstuhlschweigen, weil im nächsten Stockwerk alle aussteigen.)

U
"Und? Alles klar?" (Geschwätzige Variante von N.)

V
Verstopfung. (Jeder interessiert sich für Ihren aktuellen Verdauungsstatus. Ggf. kombinierbar mit G.)

W
Wetter. (Gibt es immer, funktioniert immer, genau wie Wochenende.)

X
Wenn Sie an dieser Stelle etwas anderes erwarten als den Vorschlag, auf einem Xylophon herumzuklimpern, bin ich gespannt auf x-beliebige Vorschläge.

Y
Yacht. (Simulieren Sie lautstark ein Handytelefonat mit "Ihrem" Skipper auf Curaçao.)

Z
Zauberei. (Mit kleinen Taschenspielertricks gewinnen Sie Freunde fürs Leben. Fortgeschrittene lassen die anderen Fahrgäste einfach verschwinden.)

5 Comments:

Blogger MudShark said...

sehr schön. zum glück gibt's bei uns treppen.

einen alten klassiker wende ich gelegentlich gern an. funktioniert aber nur, wenn er vehement praktiziert wird:

H
Hüpfen. Im Berliner Hotel 'Holland', das wir zu unserer Abifahrt gebucht hatten, ist der Aufzug immer stehen gelieben, wenn nachhaltig darin gehüpft wurde. Nach kurzer Bedenkzeit (Reboot?) ist er ganz runter und ganz hoch gefahren (Reboot!). Im Moment des Stehenbleibens wurden die Mitfaher immer bleich, manche auch wütend :-)

7.12.11  
Anonymous Frau H. said...

Also ich rede immer mit Anton dem Hund (So ein kleiner Staubwedel mit ohne Schleife, etwas ältlich).
Im Fahrstuhl. (So er denn mitfährt.)

Extrem guter Gesprächspartner!

8.12.11  
Anonymous Andie Nerven said...

"Haben sie das gerade gespürt?

(Ausgeliehen von
http://www.supernature-forum.de/comedy-and-spiele/98143-25-dinge-man-fahrstuhl-getan-haben-muss.html

9.12.11  
Blogger ZB said...

Wieder mal äußerst erheiternd. Vor allem über das "Sooooo" musste ich sehr lachen - ich vermute, Du hast dieselbe Erzeugerin vor Augen, wie ich :-)?

Vorschlag für "X":
Xerophobie (Angst vor Trockenheit: Besprühen Sie zunächst sich selbst und dann Ihre Mitreisenden mit einer Wasserpostole und murmeln Sie dabei unentwegt: "Ihr werdet es mir noch danken ..."

Zap

10.12.11  
Blogger mq said...

/MudShark: Auch beliebt ist das Hüpfen im Stil der >Massai. Hierbei ist auf die Länge des Speers zu achten.

/Frau H.: Reden Sie ruhig auch dann mit Anton, wenn er sich nicht bei Ihnen im Fahrstuhl befindet.

/Andie Nerven: Es wurde ausdrücklich betont, dass der eigene (!) Genitalbereich gemeint ist.

/ZB: In Variation reden Sie esoterisches Zeug und behandeln die Begossenen wie Zimmerpflanzen. Oder machen Sie ihnen ein X für ein U vor.

12.12.11  

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